Foto: J. Konrad Schmidt

: Martin Kohlstedt

Der Konflikt steht Martin Kohlstedt ins Gesicht geschrieben. Dabei ist es egal, ob sich der Komponist und Pianist für einen Moment mit dem Publikum verbindet oder wieder in sein Refugium aus Klaviaturen für Stahlsaiten und Synthesizer versinkt. Unnachgiebig sucht sein Blick, fühlt sich durch irgendeinen Raum und ist damit dem Kopf meist um herzzerreißende Augenblicke voraus. Als Musiker ist das ein Wagnis, ein provoziertes wie provozierendes Spiel am Rand der eigenen Kontrolle – als Komponist dagegen hat das Konzept. Denn für die Energie und Unberechenbarkeit seiner Konzerte ist Kohlstedt, unübersehbar Bursche vom Thüringer Land, durchaus berüchtigt und hat es damit von der Russischen Staatsbibliothek über die iranische Talar-e Rudaki bis in den ausverkauften großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie gebracht. Doch man findet bei all dem keine Attitüde der großen Inszenierung wegen, nur eine andere Art, Musik zu denken und mit ihr zu kommunizieren: Es gibt keine Werke, dafür kompositorische Versatzstücke, deren Kraft in dem Potenzial ihrer Kombinierbarkeit und Variationen liegt. Diese Module, wie Kohlstedt sie nennt, ergeben gerade in ihrer Verbindung unvorhersehbare Pointen und Konflikte.

Das gilt auch für seine Konzerte. Es ist keine Grenze mehr auszumachen zwischen Neu und Alt oder zwischen analoger und digitaler Instrumentierung. Sound und Struktur treten hinter den Wunsch, Momente einfach zuzulassen. Als Motiv sind sie für Kohlstedt so inspirierend wie die Sprache seiner Hände für uns – Musik als ein sozialer Zustand.

Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass Kollaborationen schon immer ein zentraler Bestandteil von Kohlstedts Schaffen waren. Um seine künstlerische Sicht einer starken Reibung auszusetzen, hat er auf zwei Rework-EPs genreübergreifend mit Elektro-, Hiphop und Pop-Künstlern zusammengearbeitet – darunter Christian Löffler, Douglas Dare, FM Belfast, Dwig und Hundreds. Das Interdisziplinäre liegt ihm, dem Getriebenen, der nie wirklich in der Klassik heimisch wurde.
 
Doch so sehr er in der Musik getrieben ist, so sehr ist Martin Kolhstedt mit seiner Heimat im Thüringer Land verwurzelt. Im übertragenden wie auch im wörtlichen Sinne. Denn Kohlstedt, der als Sohn eines Forstamtsleiters bereits als Kind mit vielen freiwilligen Helfern einen kleinen Wald in seiner Heimatgemeinde pflanzte, hat nun dort einen Hektar Land gekauft, um der Natur ein Stück von dem zurück zu geben, was er ihr durch die die vielen Flüge über das Jahr zu Konzerten in fernen Ländern oder die tausende Kilometer unterwegs mit dem Auto abverlangt. Im Frühjahr 2020 soll begonnen werden, diese Fläche aufzuforsten und Bäume zu pflanzen — genau genommen: Einen Baum für jedes Konzertticket 2019.

Und auch wir freuen uns, dass wir verkünden können, dass wir alle nicht vermeidbaren CO2-Emissionen, die beim FUTUR 2 FESTIVAL 2020 entstehen, gemeinsam mit Martin Kohlstedt in seinem Projekt kompensieren werden.

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